Aufschwung? Wenn Schlagzeilen Fakten erfinden

Eine Schlagzeile an der Supermarktkasse: „Streiken wir uns den Aufschwung kaputt?" Die Bild-Zeitung setzt einen Aufschwung voraus, den niemand ausmachen kann. Wirtschaftseinbrüche, Verschuldung, explodierende Energiepreise – aber der Aufschwung steht da wie eine Tatsache. Fest. Unumstößlich. Bedroht nur durch die bösen Streikenden.

Schon 2013 die gleiche Rhetorik: „Würgen Sie unseren Aufschwung ab." Auch damals kein Aufschwung in Sicht. Aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist: Wenn du etwas oft genug als gegeben darstellst, hinterfragt es irgendwann niemand mehr.


Das Muster ist nicht neu

Nimm die „blühenden Landschaften", die Helmut Kohl 1990 für Ostdeutschland versprach. Die Formulierung setzte voraus, dass dieser Zustand quasi bereits im Entstehen war – man musste nur noch ein bisschen warten. Jahrzehnte später ist klar: Es war eine Erzählung, keine Prognose. Aber sie hat funktioniert. Sie hat eine Erwartungshaltung installiert, die Kritik erschwerte.

Oder erinnere dich an die Corona-Zeit. „Wer sich nicht impfen lässt, stirbt" – oder gefährdet zumindest das Leben anderer. Das wurde nicht als Hypothese diskutiert, sondern als Fakt behandelt. Die Prämisse war gesetzt. Wer sie hinterfragte, wurde nicht widerlegt, sondern moralisch disqualifiziert. Die Angst machte das Nachfragen unmöglich. Und genau das ist die Funktion solcher Narrative: Sie installieren eine Realität, bevor die Wirklichkeit überhaupt eingetreten ist.


Was kannst du tun?

Du brauchst keine Verschwörungstheorien, um solche Mechanismen zu durchschauen. Du brauchst nur drei einfache Fragen, die du dir bei Schlagzeilen, Nachrichtenmeldungen oder politischen Statements stellen kannst:

Erste Frage: Was wird hier als gegeben vorausgesetzt? Die Bild-Schlagzeile setzt einen Aufschwung voraus. Kohl setzte blühende Landschaften voraus. Die Corona-Kampagne setzte voraus, dass Ungeimpfte eine tödliche Gefahr darstellen. Benenne die Prämisse. Oft löst sich die ganze Argumentation auf, wenn du erkennst, dass die Grundannahme nie belegt wurde.

Zweite Frage: Gibt es Belege für diese Prämisse – oder nur Behauptungen? Wenn dir jemand sagt „Wir müssen den Aufschwung schützen", frag dich: Wo ist der Aufschwung? Wer hat ihn gemessen? Mit welchen Zahlen? Oder ist es nur eine Formulierung, die durch Wiederholung zur gefühlten Wahrheit wird?

Dritte Frage: Was soll durch diese Prämisse verhindert oder ermöglicht werden? Die Bild-Schlagzeile richtet sich gegen Streiks. Die Corona-Narrative ermöglichten beispiellose Eingriffe in Grundrechte. Blühende Landschaften sollten Kritik an der Wiedervereinigungspolitik im Keim ersticken. Narrative haben immer eine Funktion. Erkenne sie.

Ein ruhiger Supermarkt: düstere Gänge, eine Kasse mit einer deutschen Zeitung, Sonnenlicht, das durch breite Glastüren dringt.


Gewöhnung ist der Mechanismus

Das Perfide ist nicht die einzelne Lüge. Das Perfide ist die Gewöhnung. Wenn du etwas oft genug liest, hörst, siehst, wird es irgendwann Teil deiner inneren Landkarte – auch wenn es nie eine Entsprechung in der Realität hatte. Dann argumentierst du auf Basis von Prämissen, die nie geprüft wurden. Dann verteidigst du Positionen, die auf Sand gebaut sind.

Die Übung ist einfach: Lies die Schlagzeile. Halte inne. Frag nach der Prämisse. Nicht bei jeder Meldung. Aber immer wieder. Damit die Absurdität sichtbar bleiben kann.

Denn vieles von dem, was wir täglich konsumieren, setzt etwas voraus, das nicht da ist. Und genau dadurch entsteht die Gewöhnung, die uns blind macht für das, was tatsächlich geschieht.

Von

alexander Wagandt

  • Was hier gleichzeitig geschieht ist eine Kränkung der Seele!
    Einen tatsächlichen Aufschwung, welcher sich auf natürliche Weise im Kollektiv spiegelt, so nehme ich an, würden dee meisten Menschen spüren und in ihrer Stimmung „positiv“ beeinflussen. Da sie ihn jedoch nicht wahrnehmen können, da nicht vorhanden, könnte ein Teil von ihnen an ihrem eigenem Gespür das Zweifeln anfangen. Oder dieser Riss läßt sie aufwachen ;-))

  • {"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}
    >