Eine aktuelle Einordnung

Es gibt Momente, in denen ein einzelnes Bild mehr sagt als lange Analysen. Das Video, das den Anlass für diesen Podcast gegeben hat, liefert so ein Bild: Ein FDP-Abgeordneter bedankt sich bei Donald Trump dafür, dass die USA gegen die EU vorgehen wollen.

Ein deutscher Parlamentarier. Der sich bei einer ausländischen Macht bedankt. Dafür, dass diese gegen europäische Institutionen vorgeht.

Man kann das als Kuriosum abtun. Man kann es als politische Naivität verstehen. Oder man kann es nehmen, was es tatsächlich ist: ein Symptom. Ein Symptom für etwas, das gerade in großem Maßstab geschieht und das sich nicht aus der Tagespolitik heraus erklären lässt.

Dieser Text ist kein Kommentar zur Tagespolitik. Er ist auch kein Angriff auf die EU oder eine Verteidigung derselben. Er ist der Versuch, das Muster hinter der Erscheinung zu benennen und das folgende Video zu ergänzen.


Das Muster - Wer hat was aufgebaut?

Die Europäische Union ist nicht aus dem Nichts entstanden. Sie wurde über Jahrzehnte aufgebaut, finanziert, gelenkt. Und zwar von genau jenen transatlantischen Netzwerken, die heute den Abbau fordern.

Das ist keine Verschwörungs-Erzählung. Das ist eine beobachtbare Struktur. Dieselben Institutionen, dieselben Netzwerke, dieselben Interessen, die einst den Aufbau vorangetrieben haben, stehen jetzt an der Spitze der Demontage.

Die Frage, die sich daraus ergibt, ist nicht: War die EU gut oder schlecht? Die Frage ist: Wer hat von ihrem Aufbau profitiert? Und wer profitiert nun von ihrem Abbau?

Wer hat dieses System errichtet? Und wer mobilisiert jetzt dagegen? In beiden Fällen die gleichen Strukturen.

Die EU hatte spezifische Funktionen in einer bestimmten Phase. Sie zentralisierte. Sie schuf einen Binnenmarkt, der amerikanischen Konzernen eleganten Zugang verschaffte. Sie baute die transatlantische Brücke: militärisch, wirtschaftlich, ideologisch. Diese Strukturen sind längst etabliert, die Abhängigkeiten zementiert. Die EU als Gefäß wird nicht mehr gebraucht. Sie ist jetzt eher im Weg.

Dialektik als Betriebssystem

Hegel nannte es Dialektik. These, Antithese, Synthese. Im politischen Spiel läuft dasselbe unter anderem Namen: Problem, Reaktion, Lösung.

Phase eins war der Aufbau supranationaler Strukturen bei gleichzeitigem Abbau nationaler Souveränität. Die EU ist dafür das Lehrbeispiel. Gesetze, die höherrangig sind. Kompetenzen, die delegiert werden. Entscheidungsräume, die nach Brüssel wandern.

Phase zwei ist die Antithese. Der Widerstand gegen diese Struktur. Brüssel entmündigt die Völker. Das wird jetzt auch von denen unterstützt, die diese Struktur einst gebaut haben. Das ist keine Gegenbewegung gegen die Interessen der Architekten. Das ist Teil des Plans.

Phase drei kommt jetzt: neue Narrative, neue Gesichter, gleiche strukturelle Abhängigkeit. Nationale Souveränität als Schlagwort, bilaterale Deals als Format, Washington statt Brüssel als Referenzpunkt. Die Geschichte ändert sich. Die Struktur bleibt.

Die Fahnen wechseln. Die Abhängigkeit bleibt.

Die Epstein-Lawine

Parallel zu dieser EU-Demontage rollt eine andere Lawine. Die Epstein-Enthüllungen. Listen werden geleakt. Bekannte Namen tauchen auf. Politiker, Wirtschaftsbosse, Medienmogule, Königshäuser.

Auch hier die entscheidende Frage: Wer enthüllt? Und vor allem: Warum jetzt?

Epstein war kein einsamer Täter. Er war ein Knotenpunkt. Ein Werkzeug. Ein Hausmeister für ein System, das viel größer war als er. Und die Dokumentation, die uns jetzt zugänglich gemacht wird, hätte jederzeit veröffentlicht werden können. Die Beweise lagen vor. Die Namen waren bekannt. Aber der Moment war noch nicht da.

Jetzt ist er da. Weil die Enthüllung nützlicher ist als das Verbergen. Weil jene, die das bisherige System getragen haben, nicht mehr gebraucht werden. Weil alte Strukturen geopfert werden müssen, damit neue aufgebaut werden können.

Was fällt? Die alten Namen. Clinton. Andrew. Barack. Die NATO-Architekten. Die Transatlantic-Netzwerker. Die Medienmogule und Politiker einer anderen Zeit. Das ist keine zufällige Liste. Das ist eine Deinstallationsliste.

Wenn ein System die eigenen Verbrechen aufdeckt, geschieht das nicht aus moralischen Gründen.

Die Mechanik der Delegitimierung

Es gibt eine beobachtbare Technik, die in der Geschichte immer wieder auftaucht, wenn ein System in eine neue Phase tritt: Die alte Ordnung wird nicht still abgelöst. Sie wird delegitimiert. Öffentlich. Gründlich. So gründlich, dass keine Nostalgie mehr möglich ist.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das, was vorher war, dämonisiert. Das geschah nicht nur, weil es falsch war, was vorher war. Es geschah, weil jede neue Ordnung eine saubere Unterscheidung braucht. Eine klare Grenze zwischen Damals und Jetzt. Das Alte muss als Monster erscheinen, damit das Neue fraglos aufgenommen wird.

Genau das erleben wir gerade. Die alte transatlantische Elite, verbunden mit Missbrauch, Korruption, Erpressung, wird öffentlich zerstört. Und mit ihr wird die Legitimität des gesamten Nachkriegssystems beseitigt. Nicht nur die Akteure. Das Prinzip.

Das Ergebnis: Jede Kritik am Neuen wird erschwert. Wer das Neue hinterfragt, riskiert, als Verteidiger der Monster zu gelten. Das ist keine Nebenwirkung. Das ist das Design.

Das Terrarium der falschen Alternativen

Das, was uns gerade präsentiert wird, ist eine Auswahl. Brüssel oder Washington. Alte Elite oder neue Reformer. EU-Bürokratie oder nationale Souveränität.

Was dabei nicht gefragt wird: Will ich mich überhaupt zwischen diesen Varianten entscheiden?

Solange das Denken in solchen Rahmen gefangen bleibt, spielt es keine Rolle, welche Seite gewinnt. Die Struktur bleibt. Die Abhängigkeit bleibt. Nur die Geschichte ändert sich — und das Gefängnis bleibt das Gefängnis, auch wenn die Einrichtung neu tapeziert wird.

Man bringt uns in eine Wahl, indem man fragt: Willst du Brüssel oder Washington? Was dabei nicht gefragt wird: Will ich das überhaupt?

Das ist das Terrarium. Nicht Gitter und Wände. Sondern ein Raum, in dem alle angebotenen Wege innerhalb des Systems enden. Die Illusion von Wahl. Die Enge, die sich wie Freiheit anfühlt, solange man den Rahmen nicht erkennt.

Die Sehnsucht nach dem Retter

Es gibt noch eine dritte Ebene in diesem Muster, die vielleicht die entscheidendste ist.

Wenn ein System versagt, entsteht ein Vakuum. Und in dieses Vakuum wird fast immer dasselbe projiziert: die Hoffnung auf eine externe Autorität. Ein starker Führer. Eine Macht von außen. Jemand, der aufräumt.

Genau das ist in dem FDP-Video zu sehen. Trump wird uns retten. Die USA werden Europa vor sich selbst schützen. Das ist keine politische Analyse. Das ist eine archaische Sehnsucht. Ordnung durch den starken Vater.

Und das ist das Gegenteil von Souveränität.

Dass genau diese Sehnsucht entsteht, ist nicht Zufall. Es ist das Ergebnis von Strukturen, die über Jahrzehnte darauf ausgelegt waren, das Vertrauen in eigene Handlungsfähigkeit zu untergraben. Ängste, Schuldproblematiken, chaotische Strukturen. All das erzeugt jene Leere, in die dann der nächste Retter projiziert wird.

Die einzige Gegenbewegung dazu beginnt nicht mit Rebellion gegen das System. Sie beginnt mit dem Erkennen, dass das System nur so viel Macht hat, wie wir ihm durch unsere eigene Resonanz geben.

Was jetzt?

EU-Demontage und Epstein-Enthüllungen sind keine unabhängigen Ereignisse. Sie sind zwei Facetten desselben Prozesses. Beide delegitimieren die alten Strukturen. Beide machen Platz für neue Narrative. Beide erzeugen dasselbe Ergebnis: Die alte Ordnung wird nicht abgelöst, sie wird begraben.

Und wer das Begraben beobachtet und applaudiert, weil er glaubt, dass jetzt Gerechtigkeit geschieht, der schaut zu, wie die nächste Szene des gleichen Stücks aufgebaut wird. Andere Kulisse, gleiches Theater.

Die Frage ist nicht: Welche Seite hat recht? Die Frage ist: Wer schreibt die Liste? Wer entscheidet, was enthüllt wird, wann es enthüllt wird, und welche Konsequenzen daraus gezogen werden?

Solange diese Frage nicht gestellt wird, ist man Zuschauer. Die Regisseure sieht man nie.

Die einzige Souveränität beginnt da, wo wir aufhören, nach Rettern zu suchen und anfangen, nach innen zu blicken.

Das ist nicht der Aufruf zur Gleichgültigkeit. Das ist der Hinweis auf den einzigen Ort, an dem Veränderung tatsächlich beginnt. Nicht auf der Weltenbühne. Nicht im Theater. Sondern im Riss im Terrarium.

Und dieser Riss ist dort, wo Aufmerksamkeit sich verweigert. Wo Energie nicht ins Spiel fließt. Wo jemand erkennt, dass die angebotenen Alternativen alle innerhalb des gleichen Rahmens enden.

Das Erkennen selbst ist der Riss.

Von

alexander Wagandt

  • Guten Morgen liebe Menschen, und meinen Dank für diesen erdenden Artikel, Alexander 🙏🏼.
    Am Sonntag zog der Karnevalsumzug an meiner Wohnung vorbei und es wurden billige Süßigkeiten in die Menge geworfen. Viele Hände streckten sich danach aus oder sammelten auf dem Boden das auf, was zu greifen war.
    Dabei musste ich an die Epstein-Files denken, weil:
    Eine Gruppe von Menschen diesen Zeitpunkt für eine kollektive Stimmungsveränderung festgelegt hat.
    Weil das, was in die Menge geworfen wird, manch begeisterte Abnehmer findet und am nächsten Tag die Reste auf der Straße landen. Platt getreten. Unbeachtet.
    Weil es immer wieder passiert
    Und weil danach das Aschekreuz kommt mit der Fastenzeit.
    Wir hatten und haben so viele brisante Themen hier vor der Haustür, wie z. B. „Sachsensumpf“, und ich hätte mir eine vehemente Forderung nach Offenlegung bei all diesen Themen gewünscht.
    Aber nun stehen illustre Personen bereit, in die Menge geworfen zu werden, und der Ablauf ist wie beim Karnevalsumzug – Empörung durch achso politisch gestaltete Umzugswagen und der Wunsch nach rollenden Köpfen.
    Ein paar werden der Menge geopfert, wohl bedacht ausgewählt. Bauernopfer.
    Was wird auf der Strecke bleiben? Die Tatsache, dass allein hier in Deutschland jede 3. Frau sexuelle Missbrauchserfahrungen in der Kindheit hat. Und da reden wir nur von Frauen. Als Betroffene war ich mehrmals in Kliniken für Traumafolgestörungen und die sind voll. Von Menschen, deren Täter häufig sehr gut und länderübergreifend vernetzt sind. Und wir müssen oftmals bis vor das Sozialgericht ziehen, um Therapien zu erhalten.
    Das bleibt auf der Strecke – das Bewusstsein, dass dies kein Problem der Elite ist, sondern ein Problem von Schattenanteilen, die sehr oft durch bestehende Konstrukte wie Staatsgewalt, Kirche, Bildungssysteme, Kriege, etc, entstehen.
    Während diese Eliten nun als Tiere beschimpft werden, wünsche ich mir, wir würden wie die Elefanten einen schützenden Kreis um unsere „Jungtiere“ bei Gefahr bilden.
    Enttäuscht und desillusioniert bekommt man den freieren Blick. Jeden Tag ein bisschen mehr. Und Du Alexander, trägst seit Jahren dazu bei.
    Danke.

  • Danke für Deinen tollen Text. Ich sehe das inzwischen modular. Die Hintermänner haben Module wie „Epstein“ und „Russland-Ukraine“ kreiert und spielen diese aus, evtl. ruhen die Bausteine aber auch einfach irgendwann. Aber sie haben immer viele Optionen. Diese Bausteine werden häufig schon lange vorher „angeteasert“. Wie bei Epstein. Die Enthüllungen sind schon viele Jahre her, damals hat man das Modul auch schon nach vorne geschoben, aber nicht so aggressiv wie jetzt. Ich bin gespannt, wen man da jetzt und in den nächsten Monate alles über die Klinge springen lässt.
    Ich bin nicht sicher, ob die Hintermänner immer alles 100% im Griff haben und wissen wie es sich entwickelt, daher wird wohl alles sehr akribisch in Echtzeit überwacht und darauf reagiert.

  • Heute verstehe ich, was ich als Kind und Jugendliche nur unterbewusst wahr genommen habe, aber nicht in Worte fassen konnte. Ich konnte nicht sagen, was mich deprimiert hat. Ich sah nur, wie im Fernsehen auf die Deutschen herabgeschaut wurde. Es hat mich geärgert,
    wie noch vieles andere auch.
    Nach meinem Empfinden war viel gelogen worden von den Medien. Das war zwischen 1960 und 1990. Danach habe ich langsam begriffen, was hier gespielt wurde. Nun sind wir wieder an einem entsprechenden Punkt angekommen. Aber wie geht es weiter. Rückzug? Oder sich
    entziehen? Man braucht doch andere MitMenschen zum Leben.
    Auch der innere Raum allein ist nicht für alles die Lösung. Ich weiß es nicht. Bitte gebt mir Bescheid, wenn ihr die Lösung gefunden habt. Liebe Grüße Rosemarie ♥️

    • Liebe Rosemarie, ich weiß ja nicht, was für dich der innere Raum ist. Für mich ist es die Erkenntnis und die Erfahrung, dass ich geführt werde. Natürlich kann man seine Entscheidungen aus dem Verstand heraus treffen und manchmal klappt es auch. Aber gerade wenn im Außen Horrorszenarien aufgebaut werden, verlasse ich mich auf meine Innere Stimme und das Bewusstsein, dass ich geschützt bin und zum gegebenen Zeitpunkt, sollte er tatsächlich eintreffen, die richtigen Entscheidungen treffen werde.
      Alle Liebe Carola

  • Lieber alexander, danke für die Einordnung, aber wenn das eine „Deinstallationsliste“ sein soll, wird auch Trump selber deinstalliert, samt der Justizministerin, die das Dokument unterschrieben hat. Und „Enthüllungsjournalisten“ wie Julian Assange und Edward Snowden. Sogar Elvis steht drauf 😉
    Was ich damit sagen will: Die Liste selbst hat wenig Wert, entscheidend wird der Zusammenhang sein, unter dem die Namen in den Akten eingeordnet werden, die ja dann hoffentlich auch noch veröffentlicht werden.

  • Lieber Alexander, ich kenne das Muster vom Untergang der DDR. Wir haben damals tatsächlich an den“Retter“ BRD geglaubt. So einen fatalen Irrtum mache ich nicht noch einmal. Der Rückzug aus dem Medien, auch den alternativen, ist die einzige Lösung für „geistige Hygiene“ wie es Dieter Broers zu nennen pflegt. Da der Abriss auch die USA mehr oder weniger zeitnah betreffen wird, gibt es aus dieser Richtung sowieso keine „Hilfe“. Aber wenn wir schon dabei sind: Welche Rolle ist aus deiner Sicht in der Zukunft Russland im Hinblick auf Deutschland zugedacht? Das ewige Feindbild wird es meiner Ansicht nach nicht sein, denn Russland ist Deutschland schon geographisch näher als die USA und es hat auch weitaus größere Lasten für die Beendigung ders 2.Weltkrieges getragen. Irgendwann müssten die Energien einmal wieder etwas ausgeglichen werden.

  • Vielen Dank für diese Impulse. Meinen Stärksten verspüre ich mit dem Thema der Souveränität; ein, besonders im „teuschen“ Raum sehr verletzliches Thema. Ein von mir geschätzer Mensch hat mich auf Galater 4 gestoßen:
    „1 Ich sage aber: Solange der Erbe unmündig ist, ist zwischen ihm und einem Knecht kein Unterschied, obwohl er Herr ist über alle Güter; 2 sondern er untersteht Vormündern und Verwaltern bis zu der Zeit, die der Vater bestimmt hat.“ (aus deutsche Bibelgesellschaft; Lutherbibel).
    Beste Grüße zum herannahenden Wochenende
    christian

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