Die Schwelle

Es gibt einen Ort in deiner Wohnung, den du täglich überquerst. Mehrfach. Ohne ihn zu bemerken. Du hast ihn so oft passiert, dass er für dich aufgehört hat zu existieren. Eigenständig als besonderer Ort.

Die Tür- und andere Schwellen

In fast jeder Magie-Tradition, die ich kenne, ist die Schwelle kein neutraler Ort. Sie ist ein Kraftort. Nicht durch Ritual. Nicht durch Weihe. Sondern durch das was sie ist: ein Zwischenraum. Weder drinnen noch draußen. Weder hier noch dort.

Die Römer hatten Janus — den zweigesichtigen Gott der Übergänge, der Anfänge, der Schwellen. Er schaut gleichzeitig vorwärts und rückwärts. Nicht weil er unentschlossen ist — sondern weil der Übergang selbst eine eigene Zeit hat. Eine eigene Qualität. Die kurze Pause zwischen zwei Zuständen, in der beides noch möglich ist.

Wir haben verlernt, dort zu verweilen.

Goldenes Licht fällt durch eine teilweise geöffnete Holztür und wirbelt Staub und Schatten über den Stein, auf dem ein einzelner nackter Fuß leise verweilt.


Was die Schwelle zeigt

Magie — so wie ich sie verstehe — arbeitet nicht ausschließlich mit Substanz. Sie arbeitet mit Rissen. Mit Momenten, in denen die gewohnte Ordnung einen Spalt breit aufgeht. Die Schwelle ist so ein Moment. Physisch. Täglich verfügbar. Ohne Aufwand.

Das Problem ist nicht, dass wir keinen Zugang zu solchen Orten haben. Das Problem ist, dass wir durch sie hindurcheilen, ohne zu bemerken, dass wir gerade durch ein Feld gehen.

Deshalb ein Experiment. Einfach. Kein Aufwand. Sieben Tage.

Der Schwellensitz — sieben Tage

Setz dich einmal täglich auf eine Schwelle. Türrahmen, Treppenstufe, der Übergang zwischen zwei Räumen — was auch immer in deinem Alltag liegt.

Nicht meditieren. Nicht visualisieren. Nicht auf Erleuchtung warten.

Nur sitzen. Wahrnehmen.

Was sich verändert, wenn du bewusst im Zwischenraum bist — das zeigt sich nicht sofort. Manchmal erst am dritten Tag. Manchmal gar nicht in Worten. Der Körper registriert es trotzdem. Und irgendwann beginnt das Feld zu antworten.

Was das mit Magie zu tun hat

Viele suchen Magie in außergewöhnlichen Zuständen. In Ritualen, die aufwändig vorbereitet werden müssen. In Techniken, die erlernt werden wollen.

Das hat seinen Platz.

Bewusste Magie arbeitet anders. Sie nutzt das, was bereits vorhanden ist. Die Risse im Alltag. Die Stellen, an denen die Wirklichkeit dünner ist als gewöhnlich.

Die Schwelle ist eine davon.

Du musst nichts erschaffen. Du musst nur aufhören, hindurchzueilen.

„Die Schwelle war immer da. Du hast sie nur bisher unbewusst überquert."

Von

alexander Wagandt

  • „Danke für deinen Text. Die Beschreibung der Schwelle als Moment, in dem die Ordnung dünner wird, hat eine besondere Klarheit. Oft zeigt sich genau dort dieses feine Kippen, bevor die nächste Bewegung greift.

    Vielleicht berührt mich das deshalb: Es erinnert an etwas, das im Alltag leicht übersehen wird, wenn man zu schnell hindurchgeht.“
    Monika

  • Das ist ein sehr hilfreicher und guter Hinweis, danke, ich kenne das von schamanischen Praktiken und praktiziere es auch ab und an bewußt. Es macht wirklich etwas mit einem.

  • Hallo Alexander, danke für den Text. Bei mir stellt sich gerade eine andere Frage. Ich wohne in einen Altbau ca 1925, renoviert und angebaut. Zwischen Esszimmer und Wohnzimmer ist ein großer Durchbruch gemacht worden und das Wohnzimmer angebaut worden. Dieses und ein weiteres Zimmer obendrüber wurden 1992 angebaut. Dort sind jeweils sicher andere Energien oder? Oft frage ich mich was dieses Haus und seine Bewohner so erlebt haben. Liebe Grüße Susanne

  • Lieber Alexander, die Schwelle, die ich während des Tages am Öftesten passiere, ist jene zwischen Küche und Esszimmer. Die Küche selbst war und ist für mich schon immer ein alchemistischer Ort, in der sich mir Erkenntnisse, Lösungen usw offenbaren. Die Schwelle selbst erzählt mir schon Einiges. Ich werde sie in Zukunft bewusster miteinbeziehen. Danke dass du mit deinen Erkenntnissen zur Magie weitermachst und sie weitergibt!
    Lieben Gruß aus Wien

  • Danke Alexander. Jetzt wird mir klar, warum ich es so liebe im offenen Fenster halb drin halb draußen zu sitzen und zu verweilen. Ein wirklich magischer Moment.

  • Ganzheitliche Wahrnehmung einer Seelenbewegung?
    Der freie Fall ohne Aufschlag? 💢 ♾

    Geht es nicht immer Hinten so Vorne heraus und hinein?
    Die Seelenvergrößernde Spiralbewegung 🤗 ist die Kosmische Intelligenz
    vor der ich antreffen wenn ich mich in den Schwellen erreiche, in den Riss
    begebe bzw öffne.
    Die Seele, noch oberhalb der neueren psychologischen Feststellungen, ist die
    universell, verfügbare, gottgleiche Kraft der ewigen Naturgesetze. 🐬

  • Wir werden in 99,99% der Fälle nicht mit einem freien Zugang zu unseren höheren spirituellen und schöpferischen Potentialen geboren. Dieser Zugang muss bewusst gewünscht und erarbeitet werden. Dabei können programmierte Rituale helfen. Der Schwellensitz ist so ein Ritual. Er kann diesen freien Zugang schrittweise wieder öffnen, einfach indem durch bestimmte Programme, die mit dem Ritual verknüpft sind, Energien in uns aktiviert werden, die z.B. die bei unserer Inkarnation mitgebrachte Blockade über dem „Kronenchakra“ auflösen. Eine andere Energie aktiviert die energetische Versorgung dieser höheren spirituellen und schöpferischen Bereiche. Diese höherspirituellen Bereiche besitzen ein eigenes Bewusstsein wie z.B. unser Emotionalkörper oder der Mentalkörper auch. Folgerichtig verbindet eine weitere im Ritual aktivierte Energie unser Bewusstsein mit dem Bewusstsein dieser höherspirituellen Bereiche. Je häufiger man den „Schwellensitz“ anwendet, desto besser wird schrittweise diese Verbindung. Es gibt passend zu dem Ritual noch zwei programmierte Befehle, die man, wenn man möchte, vielleicht zum Abschluss eines Schwellensitzes noch aktivieren kann. Der erste Befehl hilft bei der Entwicklung einiger „Organe“, die man für übersinnliche Wahrnehmung benötigt. Der zweite Befehl unterstützt die Entstehung des Bewusstseins, mit allem (Mentalen) verbunden zu sein: „Ich übertrete DIE Schwelle (zur neuen Welt).“ Und „Ich bin die Schwelle.“ Man aktiviert beide Befehle, indem man sie bewusst in Richtung Herz ausspricht.

  • Sich in zwei schräg gegenüberliegenden Türschwellen beieinander stehend entstehen bei uns zufällig ungeplant wunderbare „zwischen Tür und Angel“ Gespräche. Man möchte nur kurz etwas anreißen, und dann werden es gerne längere, treffende, zielführende Gespräche….

  • Wie schön, genau da sitze ich oft, wenn ich denken oder mich sammeln will – auf einer Treppenstufe. Es ist dort, als würde Bewegung in mein Denken kommen, ein Luftzug meine Gedanken reinigen. Sie bleiben nicht hängen, sie können sich dort weiter bewegen. Namasté barbara

  • Danke, ein sehr hilfreicher Hinweis, so einfach und so wirkungsvoll, was dabei alles passiert.
    Auch interessant, wie Katzen über die Schwelle gehen…

  • Deswegen verweile ich immer gerne im Türrahmen und dehne/strecke mich oder stehe dort innen wenn ich nicht weiß wohin. Nach einiger Zeit merke ich dann aber, das gerade diese Stelle die richtige war und ich nirgends anders hin musste/sollte. Als Kind sucht man sich doch auch mal außergewöhnliche Orte innerhalb der Wohnung oder dem Haus aus, um ein Zelt aufzubauen, sich einen schlafplatz zu schaffen und um andere Energiefelder zu spühren oder zu erstellen! Danke für den wertvollen Beitrag alexander!

  • ich fühle , genau das ist ein wichtiger Punkt in meinem Prozess, wenn die Angst, der Schwindel und alte Sehnsüchte wiederkommen wollen. danke für die Magie des Alltags

  • Ein klasse Hinweis, der zum Denken anregt.

    Eine Schwelle markiert den Übergang, von hier nach dort, von dem was war, zu dem was kommt, wie z. B. auch das „Niemandsland“ an einem Grenzübergang, ein Spalt zwischen zwei Gebieten, der keine Zuordnung aufweist. Eine Schwelle selbst empfinde ich daher weniger als Raum und Zeit, sondern eher als eine Einladung dazu, sich über Raum und Zeit Gedanken zu machen: Wo war ich, wo werde ich sein? Es ist kein Ort, an dem man Wurzeln schlagen möchte und vielleicht deswegen diesen gern schnell und ohne groß nachzudenken „unbewusst überquert.“.

    Vielleicht keine schlechte Idee, da mal einfach mal zu verweilen. Danke, alexander für diesen schönen Impuls.

  • Eine sehr interessante und lustige Synchronizität zu Deinem Artikel lieber Alexander …
    Unsere Tochter Nara (1,5 Jahre alt) hat ungefähr zur gleichen Zeit, als Du den Artikel veröffentlicht hast den Schwellengang zwischen Flur und WC entdeckt 🙂
    Sie untermalt ihn mit einem daaaaa-dab, freut sich dabei, wie ein Honigkuchenpferd (wo kommt der Spruch eigentlich her-mal recherchieren ;)) und hat ihn x-mal -rein und wieder raus- wiederholt.
    Ich habe den Schwellengang bei meiner schaman. Initiation kennengelernt. Dort sind wir zu unserer 3-tägigen Visionssuche im Wald ( nur mit Wasser, Schlafsack und Plane ausgestattet) bewusst über die Schwelle gegangen. bei unserer Rückkehr folgte die gleiche bewusste Handlung.
    Wollte ich noch nachtragen.
    Herzlich grüßt
    Andreas

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